Wenn "hinwerfen" zur Therapie wird

Zwei verschiedene Ansichten zu einem Krankheitsbild und was sich dann zu einem Missbrauch entwickelt

6/22/20262 min read

Wenn die Kraft fehlt – ME/CFS, Lähmung und die gefährliche Verwechslung mit einer „Bewegungsstörung"

Es gibt einen Satz, den viele schwer betroffene Menschen mit ME/CFS kennen: „Stell dich nicht so an, du kannst doch laufen." Dieser Satz beschreibt ein Missverständnis, das nicht nur kränkt, sondern gefährlich werden kann.

Wenn der Körper die Kraft nicht mehr aufbringt

Bei schwerer ME/CFS ist Bewegung kein Willensakt mehr. Es ist nicht so, dass man nicht will – der Körper bringt die Energie schlicht nicht auf. Muskeln versagen unter Belastung, der Kreislauf kippt beim Aufrechtsein, und jede erzwungene Anstrengung kann eine massive Zustandsverschlechterung auslösen, die tagelang anhält (die sogenannte post-exertionelle Malaise, PEM). Wer in diesem Zustand zum Gehen gedrängt wird, wird nicht „aktiviert" – er wird über seine biologische Grenze getrieben. Bei manchen kommt eine ausgeprägte Schwäche bis hin zu funktioneller Lähmung hinzu; der Rollstuhl ist dann kein Aufgeben, sondern Schutz und das, was Teilhabe überhaupt noch möglich macht.

Der Gegenpol: die dissoziative Bewegungsstörung

Dem gegenüber steht ein anderes Krankheitsbild – die dissoziative oder funktionelle Bewegungsstörung. Hier ist die Nervenbahn intakt, aber die willentliche Steuerung der Bewegung ist gestört, ohne dass eine strukturelle Schädigung vorliegt. Auch das ist eine echte, ernstzunehmende Erkrankung, kein „Einbilden". Aber sie ist etwas grundlegend anderes als eine energetisch begründete Schwäche bei ME/CFS – und sie verlangt einen anderen Umgang.

Genau hier liegt das Problem: Beides kann oberflächlich ähnlich aussehen – jemand kann nicht gehen –, hat aber völlig verschiedene Ursachen. Wird das eine mit dem anderen verwechselt, wird auch die „Therapie" zur falschen Therapie. Und eine falsche Therapie kann schaden.

Wenn Behandlung sich wie Misshandlung anfühlt

Aus meiner Sicht – und so habe ich es erlebt – wurde genau diese Verwechslung zur Methode. Was als „therapeutisch" bezeichnet wurde, bedeutete für mich: wieder und wieder zu Fall gebracht zu werden, mit der Begründung, ein „Sturzreflex" werde mir beim Laufen helfen. Vierzehn Mal. Vierzehn mal hat man meinen Körper hingeschmissen, um sich selbst zu beweisen das es keine Frage der Kraft sein kann, sondern es mir am Willen mangelt zu laufen.

Stellen Sie sich das vor: eine junge, schwerbehinderte Frau im Rollstuhl, hinter verschlossenen Türen, die zu Boden gebracht wird – immer wieder. Für mich war das keine Behandlung. Es war etwas, das ich als Misshandlung erlebt habe. Es nahm mir nicht die Angst vor dem Fallen – es nahm mir das Vertrauen.

Ob ein solches Vorgehen rechtlich als Körperverletzung einzuordnen ist, ist Gegenstand der Aufarbeitung. Aber unabhängig von jeder juristischen Bewertung gilt: Niemand sollte gegen seinen Willen, eingesperrt und ohne tragfähige Grundlage, einer Maßnahme ausgesetzt werden, die ihm Schmerz und Angst zufügt.

Warum die richtige Einordnung über alles entscheidet

Der Unterschied zwischen „die Kraft fehlt" und „die Steuerung ist gestört" ist nicht akademisch. Er entscheidet darüber, ob ein Mensch geschützt oder geschädigt wird. Bei ME/CFS kann forciertes Üben den Zustand dauerhaft verschlechtern. Wer also die Ursache nicht sauber abklärt, sondern vorschnell eine Schublade wählt, riskiert genau den Schaden, den er zu behandeln vorgibt.

Deshalb braucht es zuerst eine ehrliche, unabhängige Differentialdiagnose – und an deren Anfang das Zuhören. Nicht die Frage „warum will sie nicht laufen", sondern „warum kann sie nicht, und was braucht sie wirklich".

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